27.10.2011, 06:45 Uhr
Der Mythos Sherlock Holmes | Arthur Conan Doyle

Kaum eine Romanfigur ist so mit Pfeife und Tabak verknüpft wie Sherlock Holmes und sein Adlatus Dr. Watson. Aber entspricht das auch tatsächlich den Inhalten der populärsten Kriminalgeschichten der Welt ? Hatte der Meisterdetektiv tatsächlich Pfeifen von Peterson im Gebrauch? Und was ist an den Gerüchten, dass Sir Arthur Conan Doyle selbst in Mordfälle verstrickt war? Forianer Bernd Möller (highlander), ausgewiesener Doyle-Experte, hat sich jahrelang mit dem Schriftsteller selbst und seinem OEuvre beschäftigt und bringt Klarheit ins Dunkel. Die Wahrheit, nichts als die nackte Wahrheit.





Arthur Conan Doyle

Folge 1 : Das Abbild einer Epoche ?

Beschäftigt man sich näher mit Arthur Conan Doyle und seinen Romanen, so stellt man als erstes fest, dass er Sherlock Holmes nicht gemocht hat, eigentlich hat er ihn sogar gehasst. Doyle verstand sich als seriöser Schriftsteller und das war zweifellos nur eines seiner Talente. Am meisten störte ihn an Holmes, dass e r gelesen wurde, während seine „besseren“ Werke niemand wirklich zur Kenntnis nahm. Doyle war ein Mythos und ist es noch heute. Er gilt als Erfinder der klassischen Kriminalliteratur - in Wahrheit war er nur der erste, der damit horrende Summen verdiente. Doyle wurde durch Sherlock Holmes reich, obwohl es die einzige Figur seiner Werke ist, die er via eines Baukastensystems konstruiert und nicht wirklich selbst erdacht hat. Was damals tatsächlich mit den Romanen umgesetzt wurde und was Doyle daran verdient hat, werden wir später betrachten, wenn in einem anderen Zusammenhang von Geld die Rede sein wird.

Doyle schrieb in allen möglichen - damals populären - Genres, vom klassischen Ritteroman ( Sir Nigel ), vom Soldatenabenteuer zu Zeiten Napoleons ( Brigadier Gerard ), reale Kriegsberichterstattung (The Great Boerwar) und Werke kriminalistischen Inhalts, die auch als Lehrbücher verwendet wurden. So geht angeblich die Sicherung von Fußspuren mittels Gipsabdruck auf Doyle zurück.

Doyle wurde zur anerkannten Autorität auf dem Gebiet der Kriminalistik, Verbindungen zur Scotland Yard und zum militärischen Geheimdienst werden kolportiert, die Quellen sind allerdings nicht über jeden Zweifel erhaben. Allerdings ermittelt Holmes für den CID, damals neben Scotland Yard eine paramilitärische Ermittlungsgruppe. Ohne jeden Zweifel - und das ist verbürgt - setzte er sich brillant und a la Sherlock Holmes - für die Opfer von Justizirrtümer ein, bekannt sind die Adjali- und die Slateraffaire.



Sir Roger Casement, einen der Initiatoren des irischen Osteraufstandes
von 1916 konnte er jedoch nicht retten, trotz seines Gnadengesuches
wurde dieser im selben Jahr hingerichtet.


Doyle war der typische Alleskönner, er spielte Fussball, Kricket, Billiard auf nahezu professionellem Niveau - er war einer der besten Amatuerboxer seiner Zeit - er schrieb Romane - arbeitete freiwillig als Truppenarzt im Burenkrieg um die Jahrhundertwende, hatte im Gegensatz zu seinem Held Sherlock Holmes durchaus eine Affinität zu Frauen, um es mal dezent auszudrücken - und er hatte zuletzt den perfekten analytischen Verstand, zugleich aber auch einen fatalen oder fast kindlichen Hang zur Mystik und zur Esoterik.

Sportlich wie er war, lernte er anläßlich eines längeren Aufenthaltes in Norwegen das Skifahren und gab dieses Wissen 1893 an die Schweizer weiter, er brachte also den Schweizern das Skifahren bei, was wiederum einen gewissen Einfluß auf die Fremdenverkehrsindustrie hatte, die zu dieser Zeit sich ausschließlich mit gut situierten Gästen in Badeorten beschäftigte. Der Beginn des Massentourismus.

In seinem Leben wimmelt es von berühmten Zeitgenossen wie George Bernhard Shaw oder Harry Houdini (ja, genau der, der Zauberkünstler) oder Jerome K. Jerome (Drei Mann in einem Boot), mit einigen anderen war er über die Freimaurerloge in Plymouth verbandelt.



1859 geboren - der Vater ein Beamter und bekannter Maler - seine Mutter aus einer alteingesessenen adligen Familie - genoss er eine Ausbildung in einer Jesuitenschule. 1881 promovierte er als Arzt, arbeitet auf einem Walfangschiff und widmete sich dann sukzessive der Schriftstellerei.
Er sprach, wie etliche Eliteschüler der damaligen Zeit, Deutsch und Französich - und er verwendete in seinen S.H. – Romanen auch immer wieder Kontinentalschauplätze wie Baden Baden, Böhmen oder die französiche Cote d´Azur. Engländer und Deutsche waren sich damals keineswegs feindlich gesonnen, was bei Queen Victoria und ihrem deutschen Ehegatten, Albert von Sachsen-Coburg auch nicht weiter verwundert. Zudem stammte sie direkt vom Hannoverschen Königshaus ab (Georg I – IV), die gleichzeitig Könige von England waren.



Prinzipiell an Literatur interessiert, las er die Standardwerke der damaligen Szeneschriftsteller, wie Wilkie Collins (The Woman In White), Edgar Allan Poe, Stevenson (Treasure Island/ Die Schatzinsel) und Beecher-Stowe (Uncle Tom´s Cabin/Hütte), alles insgesamt nach heutigen Maßstäben schwer verdauliche Kost, vor allem im Original.

Kilometerlange Sätze mit etlichen Verschachtelungen in die Tiefe mögen da sein analytisches Denken geschult haben. Da es noch keine Taschenbücher gab, stammt der Ausdruck „schwere Literatur“ vermutlich aus dieser Zeit und ist durchaus doppeldeutig. Der Autor übernimmt für diese Schlussfolgerung aber keine Haftung.

Erfunden …. hat er eigentlich nichts. Das nachweislich erste Werk, das im damals ziemlich neuen Genre der Unterhaltungsliteratur Anfang des 19. Jahrhunderts auch als erste Kriminalnovelle galt, war von E.T.A. Hoffmann ( Das Fräulein von Scuderie ), welches sich mit einer Mordserie zur Zeit Ludwig XIV beschäftigt, die Miss Marple like von einer alten Dame untersucht wird. Auch Agatha Christie wußte offenbar, das sich mit Bildung auch Geld verdienen läßt.

Der zweite Akteur - und auch in zeitlicher Reihenfolge - war zweifelsohne Edgar Allan Poe, der nicht nur mit Auguste Dupin den ersten wirklichen Detektiv der Kriminalliteratur kreierte, sondern dessen Figur auch eine fatale Ähnlichkeit mit Sherlock Holmes aufweist; auch er hat ein Helferlein, auch er hat ein gestörtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht, und auch er arbeitet deduktiv. Auch bei ihm kommt am Ende nicht immer das heraus, was eigentlich herauskommen sollte. Wie kam Sherlock Holmes zustande ? - eine Frage, mit der wir uns später beschäftigen werden.


Dupin, Poe, Poe`s Schreib- und Schlafzimmer

Daneben erfanden Hoffmann und Poe auch die Fantasieliteratur und die Gruselgeschichten im Allgemeinen, Kryptografie wurde „in“ – die Beschäftigung mit sogenannten Geheimgesellschaften, wie Freimaurer, Rosenkreuzer und Illuminaten en vogue. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind da unverkennbar. Genial in diesem Zusammenhang ist die Shortstory von Poe „Premature Burial / Die Scheintoten“, die Schauergeschichten von lebendig Begrabenen erzählt. Gewisse Zusammenhänge kann man auch zu den Gebrüdern Grimm und der „Märchenszene“ herstellen.

Überhaupt kann man bei Doyle und seinen Detektivgeschichten die größte Nähe bei Poe finden, der zwar wesentlich umständlicher erzählt, doch generell die gleichen Spannungsmuster verwendet. Hier werden wir später noch entsprechende Vergleiche anstellen, die auch deshalb interessant sind, weil Generationen von erfolgreichen Kriminalschriftstellern gnadenlos bei den Urvätern der Suspense abgekupfert haben.

Man muß sich davon lösen, das die Fälle der Detektive in dieser Epoche knallharte Mordgeschichten sind. Alles war damals augenscheinlich etwas gemütlicher, mystischer, unheimlicher, dunkler, schwermütiger, aber auch eleganter. Das trifft nicht nur für die dezidierten Schilderungen des Umfelds zu, insbesondere gilt das auch für die Sprache und für den allgemeinen Umgangston. Holmes löst beispielsweise etliche harmlose Fälle, in denen es entweder um die Auflösung todtrauriger Liebesgeschichten ( The Missing Quarterback ) oder gar um triviale Geschichtchen aus der höheren Gesellschaft geht ( The Noble Bachelor ).

Bruce Willis hätte man damals vermutlich bereits auf der Strasse ohne jede Straftat verhaftet, weil er nicht den allgemeinen Geschmacksregeln entsprochen hätte.

Die Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts ist nicht anders als die des 19. Jahrhunderts, sie ist nur den technischen Gegebenheiten des jeweiligen Jahrzehnts angepasst. Auch Holmes verwendet immer die damals neueste Technik, was er mit James Bond gemeinsam hat. Auch Holmes ist darüber hinaus technisch seiner Zeit weit voraus, auch da erkennen wir Herrn Bond wieder.



Düster und mystisch - der Hype der Zeit - das viktorianische Zeitalter; wenn man von dem kleinen Unfall mit Amerika mal absieht - die größte Ausdehnung des britischen Empires; die Romantik; Biedermeier; Vormärz; 1848 die Paulskirche – Demokratisierung der europäischen Feudalsysteme – und … Das Zeitalter der Forscher und Entdecker, die zu dieser Zeit an jeder Ecke der Welt einen neuen See entdeckten oder irgendwelche Altertümer ausgruben. Die Museen in Berlin, London und Paris sind voll davon ( mit den Artefakten - nicht mit den Seen ). Dazu passen Bilder von Caspar David Friedrich oder William Turner, bei deren Betrachtung man sich auch gerne mal von dem gerade dargestellten Felsen stürzen möchte; Musik von Mendelsson, Weber oder gar Wagner, für den Doyle wahrscheinlich nicht die nötige Geduld und Leidensfähigkeit aufgebracht hätte.



Zudem muß man wissen, das die Technik, die Medizin etc. für die damaligen Verhältnisse rasante Fortschritte machte, also insgesamt ein Zeitalter der Werte, der geregelten Verhältnisse, krasser Gesellschaftsunterschiede, aber auch des Aufbruchs in jeglicher Richtung. Diese Strömungen sind in allen Werken der einschlägigen Literatur, von der wir hier reden, verarbeitet, keineswegs nur bei Doyle. Doyle selbst widmet „In-Themen“ ganze Stories, wie der Rassendiskriminierung, dem KluKluxKlan (The Five Orange Pips), religiösen Themen wie Brigham Youngs Mormonen (A Study in Scarlet) , oder eben den Auswirkungen aktueller Konflikte, denen das Empire ausgesetzt war (The Sign of the Four ). Handfeste Agententhriller mutieren zu Eifersuchtsdramen (The Second Stain). Auf die - meiner Meinung nach - besten oder ungewöhnlichsten Fälle werden wir noch näher eingehen. Zum Inhalt und der Verquickung mit speziellen Themen einzelner Geschichten kommen wir zu einem späteren Zeitpunkt.

Aber weiter zum Thema - der Geist der Zeit. In intellektuellen Kreisen war das Grauen gesellschaftsfähig geworden, man nannte das später schwarze Romantik (Nacht, Sehnsucht, Verzweifelung, Nebel, Suizid - aber gerne auch Vampire ( The Sussex Vampire), Moorlandschaften und jede Menge Zitate aus klassischen Werken, teils als Gag, teils als Erklärung eingebaut. Da es nichts Neues unter der Sonne gibt, heißt das heutige Äquivalent Gothic oder Dark Wave, musikmässig Black Metal, Death Metal.

Allerdings muß man auch sagen, dass dieses Zeitalter auch einen Vidocq hervorgebracht hat, der es immerhin vom Schwerverbrecher zum Leiter der neu gegründeten Surete gebracht hat und den man zweifellos als Erfinder der Agentennetzwerke bezeichnen kann. Auch er wird uns später noch über den Weg laufen.


Eugène François Vidocq, 1775 - 1857

Doyle - Abbild einer Epoche ?

Er war sicher im viktorianischen Zeitalter fest verwachsen, Monarchist bis ins Mark, aber er war im Gegensatz zu den meisten seiner Mitmenschen vorausschauend und innovativ- auch wenn man nicht auf ihn hören wollte, jedenfalls nicht immer.

So stellte Admiral von Capelle 1916 fest, dass Doyles Warnung an seine Landsleute (Danger/Gefahr von 1906 ) hinsichtlich der deutschen U-Boot Gefahr besser hätte gehört werden sollen, was dem Königreich einiges an Menschenleben und versenkter Tonnage erspart hätte. Die Konstruktion des britischen Freiwilligensystems (Homeguard) verweigerte man ihm allerdings nicht. Die britische Regierung tat sich beim Lesen von „Sachbüchern“ ohnehin schwer – Doyles berühmter Zeitgenosse Erskine Childers warnte bereit 1902 in seinem Seglerroman „Riddles of the Sand“ vor der Aufrüstung der deutschen Hochseeflotte und vor einer Invasion Englands, mit ebenso wenig Erfolg.


Erskin Childers, Das Rätsel der Sandbank (Memmert), 1903 erschienen

Wem verdanken wir nun unterhaltsame Entspannung, angenehmes Gruseln, lehrreiches Mitraten und den übermässigen Konsum von Popcorn ? Genau - Mord und Totschlag und den Urvätern der Suspense.
In Italien verbreiteten die Medici Angst und Terror, aber es gab Michelangelo und die Renaissance.

    In der Schweiz herrschte 500 Jahre Friede.
    Was haben wir davon ? Die Kuckucksuhr.


    Orson Welles – Der Dritte Mann




Arthur Conan Doyle

Folge 2 : Der Mythos Doyle

Wie konstruiert man eine Romanfigur ? Wer ist Watson und wer sind die anderen Protagonisten?

Es gibt Frauen - die sind pleite, jung, attraktiv und sie brauchen das Geld. Die erfinden Harry Potter, auch wenn sie hier und da ein wenig in der irischen und englischen Mythologie unterwegs sind, erfinden sie eine geniale Szenerie und nie dagewesene Charaktere.



Es gibt Männer - die konstruieren aus vorhandenem Material aus der Märchenwelt und einem Schuss Kreativität einen Serienhelden, in diesem Fall eine Ente; zwar alles nicht so ganz auf dem eigenen Mist gewachsen, aber genial konstruiert und noch genialer umgesetzt.



Es gibt aber auch Frauen und Männer, die versuchen erst gar nicht, irgend etwas zu kreieren, die beschränken sich auf eine Portierung von Vorhandenem und konzentrieren sich ausschließlich auf die dazugehörigen Geschichten.



Spätestens hier sind wir bei Agatha Christie und A.C. Doyle oder als modernes Beispiel auch bei Anne Perry, deren Figuren und Szenerien sich gleichen wie ein Ei dem anderen.

Doyle´s Sherlock Holmes (groß, schlank, exzentrisch, wohlhabend) ist die Summe Doyle´scher eigener Fähigkeiten, einer Portierung von Poe´s Dupin nebst Helfer und Personen aus seinem Umfeld, wie seinen Lehrer an der Universität in Edinburgh, Dr. Joseph Bell. Sein Umfeld ist die gehobene Mittelklasse mit dem Draht in die höchste Gesellschaft. Sein Helfer, Dr. Watson, ein invalider ehemaliger Militärarzt, mit dem er bis zur Heirat von Watson zusammenwohnt (The Sign of the Four). Wichtige Protagonisten sind die Inspektoren Gregson und Lestrade, nach Holmes Meinung bedingt verwendungsfähig, jedoch ihren Fällen nie gewachsen.

Agatha Christies Hercule Poirot ist eine modifizierte Kopie von Holmes (klein, dick, exentrisch, wohlhabend) mit den gleichen Verbindungen in die Upperclass, nur eben 40 Jahre später. Sein Helfer, Captain Hastings, ist ebenso ehemaliger Soldat, ebenso wenig brillant wie sein Herr und Meister und ebenso der Depp wie Watson.




Anne Perry´s Kommissar Pitt (die Geschichten spielen um die gleiche Zeit wie die Holmes) ist lieb und nett, aber nicht gerade ein Genie, einer der Typen übrigens, die Doyle in seinen Romanen gerne verspottet, weil sie ohne Holmes keinen Fall auf die Reihe bekommen. Pitt hat zwar keinen Helfer, aber eine Frau aus intellektuellen Kreisen, ist dadurch finanziell unabhängig, und läßt sich letztendlich von ihr die Fälle lösen. Die Geschichten sind teilweise schrill bis genial, mit viel Flair und Hintergrund.

Umberto Eco´s Mittelalterkrimi Der Name der Rose hat als Protagonisten einen Holmes in Gestalt des Franziskanermöches William von Baskerville, der sich der Holmschen Methoden bedient, sowie einen Helfer namens Adson von Melk, also Watson gleich Adson. Dieser erzählt die Geschichte im Rückblick, so wie Doyle in den meisten seiner Geschichten Watson rückblickend erzählen läßt.



Kommen wir zu den Bösen.

Einem Charakter wie Holmes, dem keinerlei Selbstzweifel oder gar mangelndes Selbstbewußtsein im Weg stehen, müssen adäquate Gegner gegenübergestellt werden. Die normalen Täter können ihm, so raffiniert sie auch vorgehen, am Ende nie das Wasser reichen; Professor Moriaty mit seiner mafiaähnlichen Organisation und sein Stabschef Sebastian Moran können das sehr wohl und vor denen hat er auch den größten Respekt. Sie sind ihm ebenbürtig, obwohl er sie letztendlich auch erledigt.

Hat Doyle bei Frauen ein gewisses Beuteschema (groß, schlank, intelligent, emanzipiert, aristokratisches Auftreten), so haben seine beiden Protagonisten das gleiche. Es fällt auf, dass in seinen Geschichten jede Frau, selbst eine heruntergekommene Hure, mit dem nötigen Respekt und keineswegs zeitgemäss verachtend, dargestellt wird.

Seine Verbrecher verfügen eigentlich auch über gemeinsame Eigenschaften; es sind Mitglieder von Geheimorganisationen, Sekten, Verbrecherorganisationen, Ausländer zweifelhafter Herkunft oder auch gerne verkrachte Adelige. Warum das so ist, werden wir noch sehen, in jedem Fall werden auch diese Personen, egal was sie angestellt haben, verständnisvoll betrachtet. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, tun die Täter einem leid oder man bringt ein gewisses Verständnis für ihre Situation auf.

Die Bösen und die Guten - oder wie beugt man das Gesetz.

Wir können daran erkennen, dass Doyle einerseits auf der Seite des Rechtsstaates stand, aber eben nicht mit allen Konsequenzen und vor allem nicht gegen jede damalige Logik. So ließ Holmes in mindestens vier Fällen einen ermittelten Täter eiskalt laufen, teilweise war bei den Taten anwesend, ohne ihn weiterzuverfolgen oder gar der Polizei zu überstellen.

Die Begründung entsprach dem damaligen Massengeschmack „ Das Opfer hat es verdient“ und genau das, neben einigem anderen, machte die Maschine Holmes zum Menschen und zum Helden. Die geistige Überlegenheit und die damit verbundene Arroganz nahm man ihm nicht übel, die gab es im damaligen Kastensystem zuhauf und an jeder Ecke, vor allem von wesentlich dümmeren Mitmenschen.

Auch hier decken sich Agatha Christie und Doyle, indem Hercule Poirot zwölf Täter ungeschoren läßt, die sich zwecks Tötung eines Kindesmörders zusammen getan haben (Murder at the Orientexpress).

Doyle - der viktorianische Popstar ?

Dass Doyle nicht nur optisch für die damalige Zeit ein respektabler Mann war, sondern letztendlich auch sein Held Holmes, ist unbestritten. Dass der Hype um Holmes und/oder Doyle teilweise groteske Züge annahm, auch. Eines weiß man allerdings nicht, wer wurde nun eigentlich wie eine britische Boygroup verehrt, die fiktive Gestalt oder der reale Meister.

Dass das Publikum kilometerlang Schlange stand, um die neueste Ausgabe des Strand Magazines zu ergattern, war nur eine der beobachteten Erscheinungen. In der allgemeinen Konversation wurde es Mode, wie Sherlock Holmes Schlußfolgerungen zu ziehen, oder ihn zu zitieren.

Doyle selber bekam immer mehr Geld für seine Kurzgeschichten, zuletzt 45.000 US-Dollar für ein Dutzend Geschichten, umgerechnet 180.000 Reichsmark, nach heutigem Geld schätzungsweise an die 5 Millionen Euro.

Immer Ärger mit Indien oder Meinungsbildung per Roman ?

„Immer Ärger mit Harry“, Hitchcock´s geniale Komödie handelt von einem toten Herrn, der von einem kleinem Jungen zufällig in den herbstlichen Wäldern von New-England gefunden wird. Es stellt sich heraus, das alle Dorfbewohner mit dem Herrn etwas zu tun hatten und als Mörder verdächtigt werden könnten. So deponiert man die Leiche den ganzen Film lang an unterschiedlichen Stellen und hofft, dass endlich Ruhe ist, bis sich herausstellt, das Harry einen Herzinfarkt hatte; also legt man ihn dahin wo er war, und läßt ihn den Jungen nochmal finden, damit man es der Polizei melden kann.




Was hat das mit Indien und dem Britischen Empire zu tun? Jedesmal, wenn irgendwo Gras über eine Sache gewachsen war, kam ein Kamel, und fraß es wieder ab. So kam es ständig zu irgendwelchen Aufständen, Reibereien, Truppeneinsätzen, Massakern an der englischen Zivilbevölkerung und ähnlichem. Die Briten waren mit ihrem relativ kleinem Kolonialheer pausenlos im Stress, zumal ein Großteil der indischen Schutztruppen aus Sepoy´s, also einheimischen Regimentern bestand, natürlich unter britischer Führung. (vgl. Sepoy-Aufstände, Afghanische Kriege bis zum Boxeraufstand in Peking).




So gab es eine Indische Armee und eine Britische Armee, die unabhängig von einander agierten. Doyle, ganz Weltmann und offen für alles, schlägt sich in seinen Romanen jedoch stramm auf die Seite der Kolonialmacht und läßt an diversen Stellen Informationen über die Zustände in Indien einfließen.

Watson wurde am Khaiberpass von einer Flintenkugel verletzt, Jonathan Small (The Sign of the Four) erzählt vom Sepoyaufstand in Agra, Sebastian Moran, einer der Bösewichter, war ein Halb- Inder, in „The Speckled Band“ begeht ein Engländer, der lange in Indien gelebt hat, einen perfiden Mord, und es gibt weitere Beispiel für Doyle´s Grundsatzeinstellung zum Thema.

Zwiespältig gibt sich Doyle auch in der Bewertung von geschichtlichen Ereignissen, wenn es in den Zeitgeist passt, dann passt es eben, wenn nicht, wird es passend gemacht. So echauffiert sich Doyle 1908 in einem Roman über die Gräueltaten der französichen/belgischen Armeen im Kongo, während er sich bemüssigt sieht, die Invasionspolitik der Engländer in Südafrika (Burenkrieg) zu sanktionieren, obwohl es eine Menge nachgewiesener Gräueltaten der Engländer gab, auch Massaker an Frauen und Kindern. Insgesamt auch eine Methode, um populär zu sein.

Sein Engagement, bzw. das von Holmes für die Opfer von Sekten und politischen Gruppierungen passte dazu nicht so recht, ebenso wenig wie sein Einsatz für Adalji (ein Inder) und Slater. Doyle war mit Sicherheit kein Rassist oder verachtete Menschen aufgrund von Rasse und Religion, im Gegenteil.

Man hat den Eindruck, das manche Bücher nur geschrieben wurden, um eine politische Message zu verbreiten. Auf der einen Seite passte er sich also den politischen Gegebenheiten an, stramm hinter der Politik der Krone, andererseits war er ausgesprochen lästig, wenn in anderen Nationen irgendwas nicht passte. Im Grunde bewegen wir uns da bei der klassischen Einstellung der damaligen Zeit:

Erst kommt der Brite, dann der britische Jagdhund und dann der Rest der Welt.

Doyle und die Frauen, Mythos oder Wahrheit ?

Doyle, Holmes und Watson hatten offenbar ein Faible für die gleiche Art Frauen, wir erwähnten das bereits in einem anderen Zusammenhang. Doyle, der Superstar, zweimal verheiratet (seine erste Frau starb an einer Lungenkrankheit), auch sonst kein Kostverächter ( obwohl es nur Gerüchte gibt ) und Holmes - die stradivarispielende und koksende Denkmaschine, den eigentlich nur eine Frau fasziniert hat, natürlich eine Deutsche (Irene Adler, A Bohemian Scandal).

Sie unterliegt dem gleichen Beuteschema Doyles (seine Mutter ?) und Holmes bewundert, aber er greift nicht zu. Wie weit sich da Doyle selber abbildet, oder das genaue Gegenteil von ihm selbst darstellt, weiß man nicht wirklich. In jedem Fall machen Doyles Frauen nicht den Eindruck, als haben sie sich die Butter vom Brot nehmen lassen, was seinen Protagonisten vielleicht etwas abschreckt.

Das Holmes auch anders kann, beweist er in einer Geschichte, in der er in der Verkleidung eines Handwerkers mit einem Dienstmädchen anbändelt, was ihm offenbar keinerlei Probleme bereitet. Wenn es um einen Fall geht, dann ist Holmes auch mit dem Teufel im Bunde.

Erwähnen müssen wir noch - um unsere zweiteilige Einführung in das Thema abzuschließen, das Mordkomplott Doyle / Fletcher Robinson.

Doyle – ein Killer ?

Nachdem es Doyle leid war, dass seine literarischen Ambitionen auf Sherlock Holmes reduziert wurden und seine anderen Werke eher schwer zu plazieren waren, ließ er seinen Held sterben. Er versank zusammen mit seinem Erzfeind Moriaty in den Reichenbachfällen in der schönen Schweiz, um diesen zehn Jahre später, nach heftigen Protesten seiner Fans, wieder aus dem Hut zu zaubern (The Empty House)

Im Jahre 1901 gab es dennoch eine Sensation; Holmes löste vor seinem jähen Ende seinen wohl berühmtesten Fall, den des Hundes, der in den finsteren Nächten, wo das Böse sein Unwesen treibt, über das Moor zieht. Die passende Sage ist alt, also vorhanden, Robinson erzählt Doyle davon und der greift zu, besichtigt mit Robinson die Location, und entläßt ihn dann als Co-Autor.


Fletcher Robinson,1870-1907

Er zahlt eine für damalige Verhältnisse enorme Abfindung von 4500 Pfund, also rund 90.000 Reichsmark. Wie weit die Geschichte von Robinson erdacht wurde, oder ob er nur der Ideengeber war, läßt sich nicht festellen.

Ebenso wenig läßt sich feststellen, ob Doyle das ihm nachgesagte Verhältnis zu der Frau Robinsons hatte, jedenfalls stirbt dieser 1907 offenbar an einer Überdosis Laudanum, also Opiumtinktur, einem weit verbreiteten Mittel dieser Zeit. Im gleichen Jahr heiratet Doyle seine zweite Frau Jean Leckie, mit der – ohne das seine schwerkranke erste Frau Louise davon wußte - ein jahrelanges Verhältnis hatte. Aufgrund eines Agreements zwischen den beiden verläuft diese Beziehung rein platonisch um Louise unnötigen Kummer zu ersparen.


Jean Leckie Conan Doyle, 1872-1940

Sollte Doyle seine Finger beim Tod Robinsons im Spiel gehabt haben, so gibt es dafür vielleicht dubiose Hinweise, aber es fehlen wesentliche Bestandteile eine Mordes. Es gibt kein Motiv, es ging nicht ums Geld und Frau Leckie macht auch nicht den Eindruck, als hätte sie Doyle nicht im Griff gehabt. Weiterhin hätte Doyle bei einem Mord ganz sicher dafür gesorgt - die Kenntnisse hatte er, die Polizeiarbeit basierte teilweise auf seinen Methoden, Beziehungen hatte er reichlich - das nicht der Schatten eines Verdachts auf ihn fallen würde.

Fazit: „Much Ado about Nothing“ - um hier mal einen anderen recht talentierten Schreiber zu bemühen.

Doyle – ein Phänomen der Massenmedien

Falls ich es noch nicht erwähnt habe - Doyle hatte seinen eigenen Dr. Watson, der Name stammt von einem Freund, die Figur selbst von Major Wood, Doyles langjährigem Adlatus.
Aber zum Thema – Massenmedien … Doyles erster Roman aus der S.H. Reihe erscheint 1886 (A Study in Scarlet), der zweite ist bereits eine Auftragsarbeit für Lippingscott´s Magazine in Philadelphia, (The Sign of the Four) für den auch Oscar Wilde zeitgleich „Pictures of Dorian Grey“ verfasst, wobei wir bei den neuesten Errungenschaften der damaligen Zeit sind, Magazinen.

Schnelle Verbreitung, regelmässige Verbreitung, flächendeckende Verbreitung und ein moderater Preis. Das vergleichbare Strand Magazine, in London 1891 gegründet, kostete bei monatlicher Erscheinungsweise 6 Pence, durchaus bezahlbar für Kleinverdiener und gespickt mit Informationen aus Wissenschaft, Technik und ähnlichem. An den 110 Seiten hatte man was zu lesen.



Ab 1891 schrieb Doyle für das gerade gegründete Strand Magazine und bekam für die ersten sechs Kurzgeschichten um Holmes 35 Pfund, das Jahresgehalt eines Arbeiters in England, der damit ein vielköpfige Familie durchbringen mußte. Für die sechs Folgegeschichten, im gleichen Jahr in Auftrag gegeben, gab es 50 Pfund pro Story, also 1000 Reichsmark.

In der nächsten Folge beschäftigen wir uns nicht nur mit einer seiner besten Geschichten, sondern auch mit dem lieben Geld, um mal ein Gefühl dafür zu bekommen, was damals an Summen, bezogen auf heute, gezahlt wurden. Allein die horrenden Honorare an Doyle lassen darauf schließen, wieviele Magazine für 6 Pence verkauft werden mußten; das Magazin wurde 1951 nach etwa 700 Ausgaben eingestellt. Die Popularität der Romane ist die eine Geschichte, soviel waren es nicht, die Verbreitung der Shortstories als Massenware eine andere. Zum Abschluß: Hound of the Baskervilles ist der meistgelesene Roman aller Zeiten.

Ausblick auf Folge 3 :

Das liebe Geld - alles über den damaligen Lebensstandard, die Einkommen, die Preise - auch für Tabak und Pfeife – wie weit decken sich moderne Angaben und die Originalangaben von Holmes.
mystisch, gruselig, romantisch, spannend - wie erlegt man einen Täter - unsere erste Geschichte und die Frage, ob es immer Gift sein muß und wo die Geschichte weitere Verwendung fand.






Arthur Conan Doyle

Folge 3 : Geld und eine andere Geschichte

Wie in Folge 2 bereits angedeutet, beschäftigen wir uns heute zunächst mit Geld, damit man überhaupt bewerten kann, für welche Summen Morde begangen wurden oder Pfeifen gekauft werden konnten.



Sir Baskerville hinterließ seinem Neffen, dem Protagonisten in The Hound of the Baskervilles neben den enormen Ländereien und dem Familienschloß etwa 700.000 Pfund Sterling cash, der geklaute Diamant des Kardinals Jules Mazarine ( vgl. Louis XV ) war 100.000 Pfund wert (The Mazarine Stone), ein Angestellter der Mittelklasse verdiente 50 Pfund pro Jahr, ein Arbeiter etwa 35 Pfund, eine alleinstehende Frau konnte mit 60 Pfund ordentlich leben und auf Reisen gehen.

Ein wohlhabender Hopfenhändler kam auf ein Jahressalär von 800 Pfund und Sherlock selbst läßt sich ein einziges Mal nachweislich für einen Fall bezahlen, indem er einem Ekelpaket von Herzog (The Prior School) 6000 Pfund Gage abnimmt, nur um ihn zu ärgern, wohlgemerkt.

Umgerechnet auf deutsche Verhältnisse (Reichsmark), etwa 1890, muß man die Summen mit 20 multiplizieren, ein Arbeiter im Hamburger Hafen verdiente 1896 verbürgt 800 Mark im Jahr für Schwerarbeit, und zahlte für eine sehr ordentliche Wohnung 20 RM im Monat, in den entsprechenden Slumvierteln wohl eher weniger.

Der Wechselkurs betrug konstant etwa 1:20, und das über Jahrzehnte.

Nach Schätzungen aus 1984 kann man die bei Holmes genannten Zahlen locker mit 250 multiplizieren, um auf den damaligen Pfund-Wert zu kommen, bei den Baskervilles also 190 Mio Pfund mal Wechselkurs zu DM 1984, ungefähr 3,20, also mehr als eine halbe Milliarde DM, kaufkraftbereinigt für 2009 sicher die gleiche Summe in Euro.

Wer hätte nicht Verständnis für einen Täter, der wegen dieser Summe einen kleinen Mord begeht, zudem er bei den damaligen Polizeimethoden schwerlich damit rechnen mußte, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sherlock sah den Fall allerdings völlig humorlos und erledigte den Täter in den Tiefen des Moores, wo das Böse des Nachts sein Unwesen treibt.

Unser Arbeiter kommt demnach auf 2009 umgerechnete 27.000 Euro Jahresgehalt. Wir wissen nicht, ob diese Zahlen brutto oder netto überliefert sind, wir können allerdings aus einer Äusserung Holmes entnehmen, daß der Steuersatz 10% betrug, zumindest ungefähr. So ganz genau läßt er sich da nicht aus. Da unser 1890er Pfund Sterling noch aus 20 Shilling a 12 Pence bestand und wir wissen, daß eine Pfeife bereits für 1,5 Shilling zu haben war und teuerste erwähnte Pfeife das eineinhalbfache Monatsgehalt eines Angestellten kostete, bewegen wir uns wie heute zwischen Woolworth Grabbeltisch und Dunhill mit lupenreinen Brillis.



Das gilt im Übrigen auch für Tabak, die zitierte Gosvernor-Mischung kostet wohl soviel wie heute eine Dose Pelican, wäre sie zusätzlich mit Svarowski-Klunkern besetzt. Dagegen soll die von Holmes unter Stress konsumierte Sorte laut Aussagen von Dr. Watson eher unter das Kriegswaffenkontrollgesetz gefallen sein.

Man sieht - es gibt nichts Neues in dieser Welt.

Die Holm´schen Angaben sind zwar manchmal nicht nachzuvollziehen, im Gesamtbild sollten sie aber so passen; was Tabak und Pfeifen betrifft, so gibt es nebenbei überhaupt keinen weiteren Hinweis auf Marken oder Shapes, wie zum Beispiel Calabashs etc. Überhaupt nicht zu diesen Berechnungen passen die von Holmes bezahlten Trinkgelder, die sich zwischen nachvollziehbaren „ein Shilling“ und mehreren Guineen (je 1,1 Pfund) bewegten, deshalb können diese Zahlen nur einen Eindruck wiedergeben.

Es geht aber nicht immer nur ums Geld …. oder doch, eigentlich geht es immer irgendwie ums Geld. Die folgende Geschichte vermittelt dem Leser vielleicht auch einen Eindruck von den romantischen Vorstellungen dieser Zeit.




The Speckled Band ( Das gefleckte Band)

In der folgenden Geschichte geht es um Geld und einen Arzt, der eigentlich - wie kann es anders sein - aus gutem Hause kommt, aber ein rechter Taugenichts ist, das Lieblingsszenario von Doyle, der als Geschichtsfan vermutlich die Zeit Georgs II, einem kernigen Hannoveraner, im Auge hatte. Entsprechende Hinweise finden sich in der Literatur.


Georg II, Kurfürst von Hannover und König von England

Jedenfalls verhält er sich in irgendeiner Weise nicht gesellschaftskonform (oder er ist schlichtweg kriminell) und muß aus England verschwinden. Gewöhnlich entsorgte man solche Leute nach Australien, bei Doyle war Indien die erste Wahl. Dort heiratet er die Witwe eines englischen Kolonialoffiziers inklusive ihrer Zwillinge, zwei Töchter aus der ersten Ehe der Frau.

Was jetzt kommt, ist vohersehbar wie der nächste Sonnenuntergang. Die Frau stirbt, er prügelt einen indischen Diener fast zu Tode und muß nun wiederum aus Indien verschwinden. Er landet im England in der Provinz, wo inzwischen Gras über die alten Geschichten gewachsen ist.

Seine beiden Stieftöchter nimmt er mit und dazu eine erkleckliche Anzahl exotischer Tiere, die er in England auf seinem verwahrlosten Familienbesitz frei herumlaufen läßt, zum Schrecken der Anwohner. Dort geht er keiner geregelten Arbeit nach und treibt sich gerne mit Zigeunern wochenlang in der Gegend herum, so der Originalton.

Diese Geschichte erfährt Holmes beim unangemeldeten Besuch seiner neuen Klientin, ziemlich verhärmt, etwa 30 Jahre alt und reichlich verstört. Sie ist natürlich eine von den beiden Zwillingen und ihre Schwester starb vor einem Jahr plötzlich und unerwartet, nicht unbedingt erklärlich, aber offenbar eines natürlichen Todes. So jedenfalls der Spruch der Coroners, einer gewählten Person, deren fachliche Kompetenzen bei der Auswahl nicht immer zwingend im Vordergrund standen.

Der Leser, vom orientalischen Hintergrund fasziniert, ahnt natürlich, das es der anderen Schwester ebenfalls an den Kragen gehen soll, sonst wäre sie wohl kaum morgens früh um 8 bei Holmes. Sie weiß aber nicht warum und sie weiß auch nicht wie, das einzige was sie weiß ist, daß ihr Stiefvater ein berüchtigter und gewalttätiger Choleriker ist, das Haus aus unerklärlichen Gründen umgebaut werden soll und sie deshalb zeitweise im Zimmer ihrer Schwester nächtigen muß.

Das reicht Holmes für den ersten Verdacht, zumal er erfährt, daß ihre Schwester im Todeskampf von einem gefleckten Band gesprochen und ein leises Geräusch gehört hat. Vermutlich waren die bösen Zigeuner im Spiel, die natürlich alle mit bunten Kopftüchern herumlaufen, so zumindest der Spruch der ermittelnden Behörden. Holmes kommt der bedrängten Lady ritterlich zur Hilfe, vorher hat er eine kleine Auseinandersetzung mit dem Stiefvater, der seiner Tochter bei ihrem heimlichen Ausflug gefolgt ist, bei der die Kräfteverhältnisse geklärt werden.

Ein lustiger Gimmick in einer wirklich lesenswerten Geschichte. Diese Szene taucht in mindestens zwei Filmversionen anderer Holmesgeschichten auf, wobei man wissen muß, daß (ausgenommen zwei Romane) keine der Holmesgeschichten einen abendfüllenden Film hergibt. So bediente man sich immer im Gesamtwerk oder erfand einfach Neues hinzu.

Holmes fährt auf´s Land (zum Angeln, wie er vorgibt) und nimmt Dr. Watson mit, der als Erzähler im Gegensatz zu Holmes und den geübten Lesern natürlich in völliger Ahnungslosigkeit verweilt. Holmes gelingt es mit List und Tücke, sich heimlich in das besagte Zimmer (zusammen mit Watson) über Nacht einzuquartieren, natürlich ohne Wissen des Hausherrn. Von dem ist nebenbei noch überliefert, daß er grenzwertige indische Zigarren konsumierte. Holmes begutachtet die Location (das Zimmer) und findet eine Lüftungsöffnung zum Nebenzimmer (völlig überflüssig), sowie eine Klingelleine für die Dienerschaft, welche sich aber als Fake herausstellt.



Spätestens da geht - bis auf Watson - jedem ein Licht auf und es kommt so, wie man es vermutet. Im nächtlichen, stockdunklen Zimmer wird ein leises Fiepen wahrgenommen, Holmes schlägt die kleine niedliche hochgiftige gefleckte Schlange, die sich munter an der Leine abseilt und zubeißen will, mit einem Stock. Die ist natürlich not amused und flüchtet dahin, wo sie hergekommen ist, durch die Lüftungsöffnung in das Zimmer des Hausherrn und beißt selbigen ersatzweise, was das Problem künftiger Mordanschläge final löst.

Es stellt sich heraus, das die verstorbene Frau des Missetäters ihr Vermögen ihren beiden Kindern vermacht hat, was diese aber erst bei ihrer Heirat erhalten hätten. Bei beiden stand das erfreuliche Ereignis kurz bevor. Danach hätte der vorläufige Verwalter des Vermögens, der Stiefvater, mittellos dagestanden.

Holmes hat mal wieder zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, den Täter überführt und der Justiz die Kosten für ein fragwürdiges Verfahren erspart. Ein vorsätzlicher Mord wäre im ersten Fall ohnehin nicht mehr nachzuweisen gewesen, im zweiten Fall hätte man wahrscheinlich einen Unfall in Betracht gezogen. Die Gerechtigkeit hat gesiegt, der Ritter ist einer bedrängten Jungfrau wieder mal zur Hilfe gekommen; leider verschweigt uns Holmes, ob er noch geangelt hat.


Viktorianische Idylle - eine ganz eigene Scheinwelt

Auch hier spielt Doyle/Holmes wie so oft mit den Vorurteilen der viktorianischen Gesellschaft. Er stellt wiedermal das faszinierende und geheimnisvolle Indien in den Plot, zeigt Zigeuner als das, als was sie gesehen wurden und nutzt die Unkenntnis der Massen über die exotische Tierwelt, um dem Leser eine Schlange unterzujubeln, die es nachweislich nicht gibt.

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen allein über das Thema, welche real existierende Schlange Doyle da gemeint haben könnte, denn die "Swamp Otter" gibt es nicht. Doyle war seiner Zeit in der Erfindung von Tieren, Locations oder gar Mordmethoden weit voraus, gibt es doch gar einen Fall, in dem der Bösewicht seinen Kontrahenten mit biologischen Kampfstoffen erledigt und dieses auch bei Holmes versucht (The Dying Detective).

Doyle macht das alles insgesamt sehr geschickt, als "Rächer der Enterbten" bedient er die allgemein Vorstellung über Zigeuner, tut das aber keineswegs unfreundlich, sodaß der routinierte Holmesleser durchaus weiß, was Doyle von dieser Art Denken eigentlich hält. Diese Art des Bewertens zieht sich durch alle Holmes-Werke wie der Nil durch Ägypten. Das sich Doyle offenbar die Rolle des verständnisvollen Betrachters auf die Fahne geschrieben hatte, und das nicht nur in seinen Büchern, werden wir in der nächsten Folge näher beleuchten.

Da geht es um einen Schatz in doppelter Hinsicht, einen verliebten Watson, um Mitleid mit dem Täter und um den Hintergrund des Plots, die indisch/englische Kolonialgeschichte und die Doyle´sche Fähigkeit, in seinen Geschichten Messages zu verbreiten. Wir werden sehen, daß man auch den strammen Kolonialbefürwortern durchaus vorgeführt hat, das nicht alles Gold war, was da oberflächlich geglänzt hat.

Nächste Folge
The Sign of the Four - Das Zeichen der Vier

Was uns erwartet:
Indien - Sepoyaufstand - das Fort von Agra - ein unermesslicher Schatz - ein verliebter Watson - eine faszinierende Frau - der Mann mit dem Holzbein und der etwas andere Robinson mit dem etwas anderen Freitag.





Arthur Conan Doyle

Folge 4 : The Sign of the Four - Das Zeichen der Vier - 1888



Dr. Watson lebt zu diesem Zeitpunkt mit Sherlock Holmes in einer Wohngemeinschaft in der Bakerstreet 221b. Beide lernen sich eher zufällig kennen; Holmes betreibt Privatstudien und kann sich aufgrund seiner finanziellen Situation gewöhnlicher Arbeit enthalten; Watson hingegen ist ein ausgemusterter Militärarzt, den eine Jezailkugel am Khaiberpass (Afghanische Kriege) ins Bein getroffen hatte, als er in Indien als Truppenarzt arbeitet.


Bakerstreet 221b im Londoner Stadtteil Marylebone, in der Nähe des Regent`s Park

War auch die Chance, von einer historischen indischen Flinte getroffen zu werden eher gering, so doch bei einem Treffer der Schaden immens. Wie man den Aussagen Watsons entnehmen kann, ist die anschließende Verwundetenpension weit weniger immens, sodaß er schlicht gesagt Pleite war.

Holmes suchte also einen Mitbewohner, Watson eine billige Bleibe. Man einigte sich auf die Bakerstreet und wohnte fortan bei Mrs. Hudson, die auch den Haushalt führt. Im Jahre 1888 erscheint dort eine neue Klientin, deren Beschreibung mehr Zeilen in Anspruch nimmt als die Beschreibung aller anderen Frauenfiguren der Holmesgeschichten zusammen.

Miß Mary Morstan
klein, zierlich, blond, geschmackvoll gekleidet, freundlich, gewinnend etc. – also alles, was der Mensch so braucht , betritt den Salon und erzählt eine dubiose Geschichte.


Sie alle sind Mary Morstan, die spätere Mrs. Watson

Holmes
der seine nervtötende Stradivari gerade mit einem Schuß Kokain vertauscht hat (intravenös, damit die Spürnase nicht leidet) - riecht das Abenteuer wie Obelix das Wildschwein und sitzt in seinem Sessel gespannt wie ein britischer Jagdhund, der gerade eine Fasanenfamilie beobachtet.

Das Problem
Mary wuchs in einer Höheren Töchter Schule auf, ihr Vater war Captain der Britischen/Indischen Armee und befehligte zusammen mit einem gewissen Major Sholto ein Strafgefangenenlager auf den Andamanen, einer Indien vorgelagerten Insel.



Major Sholto kehrte vor etlichen Jahren aus Indien zurück und führt seitdem ein Luxusleben mit seinen beiden erwachsenen Söhnen. Captain Morstan kam einige Zeit später nach, quartierte sich in London in einem Hotel ein, schrieb seiner Tochter eine Nachricht, daß sie kommen möge - und ward seitdem nicht mehr gesehen. So geschehen im Jahre 1878, also zehn Jahre vorher, aber das ist nur die halbe Geschichte.

Seit sechs Jahren erhält sie jedes Jahr zu einem bestimmten Tag eine Perle, die ein Vermögen wert ist, selbstverständlich anonym. Aktueller Anlaß für eine Konsultation bei Holmes ist ein Brief (anonym), der sie auffordert, sich mit jemanden zu treffen, der ihr die gebotene Gerechtigkeit widerfahren lassen wolle. Zu diesem Zwecke benötige sie männlichen Beistand, was vom mysteriösem Fremden selber vorgeschlagen wird. Wie man sich denken kann, meldet sich Watson als erster freiwillig … und Mary stimmt ein wenig atemlos und ein wenig zu zu schnell zu.

So der Stand der Dinge, weitere Informationen gibt es für den Leser zunächst nicht. An dieser Stelle kommen wir zwecks besserem Verständnis kurz auf den Hintergrund der Szenerie und der politischen Verhältnisse zurück.

Indien
bestand zunächst aus einer Unzahl von kleinen Fürstentümern ohne Zentralverwaltung, die dem jeweiligen Maharadscha gehörten, traditionelle Feudalsysteme mit schauerlichen Gebräuchen wie Witwenverbrennung (Sati) oder undurchsichtigen Geheimgesellschaften wie die Thugs, die der Göttin Kali angeblich Menschenopfer darbrachten. Zudem verfügten die Feudalherren über unglaubliche Mengen an Schätzen, verbunden mit einer unglaublichen Armut der Bevölkerung. So in Etwa war der europäische Informationsstand. Ob diese unglaubliche Armut bereits vor den Briten in Indien präsent war, lassen wir mal dahingestellt.


Thugs und die Göttin Kali, Kali Tempel

Die Engländer
deren Macht und Reichtum ab Anfang des 17. Jahrhunderts mit dem Aufstieg zum Kolonialreich einhergeht, löste das Indienproblem auf subtile Art und Weise. Ausgangspunkt war die Tatsache, daß England über kein nennenswertes stehendes Heer verfügte, auch die Marine war zunächst nach heutigen Maßstäben eher als bewaffneter Begleitschutz der Handelsschiffe zu verstehen. Eine Verwaltung oder gar Besetzung eines derart großen Gebietes war schlicht unmöglich.

Queen Elisabeth I
Im Jahre 1600 stellte Elisabeth I für die private East India Company einen Freibrief für 15 Jahre aus, der diese den Handel im Osten abwickeln ließ. Karl II verlängerte den Bill und weitete ihn aus.


Elisabeth I (1533-1603), Karl II. (1630-1685)

Die EIC annektierte daraufhin mit eigenen privaten Truppen Teile von Indien und erwarb Bombay, später andere Küstenstädte wie Pondecherry, auf der anderen Seite des Subkontinents. Zunächst wehrte sich niemand wirklich, am Anfang der 19. Jahrhunderts nahmen die Aufstände jedoch zu, bis 1858 Indien der Company entzogen wurde und an die Krone fiel.

Der Haken
Ab diesem Zeitpunkt hatten die Engländer Indien wirklich am Hals, wobei man darüber streiten kann, ob ab diesem Zeitpunkt der Aufwand den Ertrag noch rechtfertigte. Die - nun regulären – englischen Truppen wurden von der sogenannten Indischen Armee unterstützt, deren Kanonenfutter aus Indern bestand (Sepoys), während die Herren Offiziere Briten waren.


Sepoys - sie dienten in der British Indian Army und der Britischen Ostindien Kompanie

So negativ wie das klingt, so vielschichtig war aber auch die Haltung der Inder zu den Briten. Es war durchaus nicht so, daß alle Inder dem negativ gegenüberstanden. Mitglieder der indischen Armee hatten einen besseren Status als die gewöhnliche Bevölkerung und damit auch eine Grundversorgung. Auf einen Teil der Sepoy´s konnten sich die Briten immer verlassen, während andere meuterten, und das nicht nur einmal.

Wie in allen Kolonialgebieten herrschten die Herren im wahrsten Sinne des Wortes, hinterließen aber auch Strukturen wie Schulen und Infrastruktur, Spitäler und ähnliches. Alles in allem wurde den Kolonialgebieten von den Kolonialherren mehr entzogen als gegeben, über die gegenseitigen Massaker kann man ein eigenes Buch schreiben. Fest steht aber auch, daß alle englischen Kolonialgebiete während des 1. Weltkriegs Freiwilligenregimenter stellten.

Wen das Thema näher interessiert und wer in das Flair der Zeit eintauchen möchte, der beschaffe sich den Film aus den 70ern mit englischem Staraufgebot „Conduct Unbecoming“, zu deutsch: Die Schande der Kompanie. Der wirft ein bezeichnendes Licht auf die Gepflogenheiten der englischen Offiziere, der Massenmeinung zu diesem Thema und der englischen Gesellschaft. So kam es zu verschiedenen Sepoyaufständen und letztendlich auch zu diversen afghanischen Kriegen, im zweiten fand die Schlacht am Khaiberpass statt, bei der es Watson erwischte.



Schwierig wurde es für die Engländer nicht nur durch die rigorose Handelspolitik, sondern auch durch deren Umsetzung europäischer Werte auf indische Verhältnisse. So wurden nicht nur die Thugs verboten und schließlich vernichtend geschlagen (1840), auch wurden Witwenverbrennung (Sati) und andere religiöse Aktivitäten untersagt oder ausgerottet. Über die Reichtümer, die Indien durch die Krone entzogen wurden, gibt es nur Spekulationen, die ich hier nicht näher beleuchten möchte.

Alles Böse kommt aus Indien … (nein, nicht die Bollywoodfilme sind gemeint), aus der Sicht der Viktorianer eine verständliche Auffassung, da die damaligen Gazetten stramm hinter der Krone standen und es sonst nur Informationen von Veteranen gab. Auf diese kommen wir gleich zurück.

Indien - der Orient überhaupt (damals begann der Orient gleich hinter Wien und hörte in Japan auf ) - war die blanke Faszination, dicht gefolgt von Schwarzafrika und Arabien, die von britischen Entdeckern und Eroberern überzogen wurden.

Genug zum Hintergrund; unsere Geschichte geht weiter …
Mary, Holmes und Watson treffen sich konspirativ und nächtens mit einem der Sholtobrüder, der etwas von einem Schatz erzählt, den sein Vater aus Indien mitbrachte. Mary stände hier gegen den Willen seines Bruders ein beträchtlicher Anteil zu. Holmes und Watson waren in seinem Plan wohl als Muskelunterstützung gedacht, falls sein Bruder Probleme machen würde. Man begibt sich also zum Haus der Bruders (der Vater verschied vor einiger Zeit an einem Infarkt, als er am Fenster seines Schlafzimmers einen Mann mit Holzbein sah), wo der vom Vater versteckte Schatz nun offenbar entdeckt wurde.

Man läßt sich beim Herrn des Hauses melden, der reagiert aber nicht, worauf man in sein Zimmer einbricht und ihn tot vorfindet. Erste Diagnose durch Watson (das kann er ); Tod durch ein starkes Alkaloid, zugeführt durch einen vergifteten Stachel, der sich im Nacken des Opfers befindet. Wie wir jetzt alle erraten, ist der Schatz verschwunden. Was niemand erklären kann: wie der Mord ausgeführt wurde. Die herbeigerufene Polizei nimmt zur Sicherheit erstmal den fest, der es garantiert nicht gewesen sein kann, den Bruder.

Holmes stellt fest, das es eine Dachluke gibt und Fußabdrücke, der Täter war offenbar barfuß und ist in Kreosot getreten, einem damals gebräuchlichen Dichtungsmittel. Doyle wäre nicht Doyle, wenn hier nicht eine weitere Merkwürdigkeit auf den Plan käme; die Abdrücke sind die Abdrücke eines Kindes und vorm Haus findet sich der Fußabdruck eines Beines und eines Stumpfes.

Natürlich, eine Karte
Im Nachlaß von Major Sholto fand sich eine Karte, die ein großes Gebäude mit einem Gewirr von Gängen und eine Koordinate zeigt, auf indischem Papier und unterzeichnet von vier Leuten, drei Indern und einem Engländer, Jonathan Small mit Namen. Der Verdacht liegt selbst bei weniger fantasievollen Zeitgenossen nahe, daß es sich dabei um eine Schatzkarte handelt. Die Karte mit dem Zeichen der Vier.



Ein Hund
Wenn Holmes Nase nicht mehr ausreicht, benötigt er einen Hund, einen Spürhund, den Watson bei einem ehemaligen Klienten requiriert. Holmes und Watson lassen den Hund die Kreosotspur verfolgen, der findet schließlich das Ende der Spur an einer Anlegestelle an der Themse.

Das Bakerstreet Freikorps
besteht aus einigen zerlumpten Halbwüchsigen, einer Streetgang, die gegen Geld zur Not auch einen Flußdampfer sucht, mit dem der Einbeinige nach Southampten will, um dem kalten England lebewohl zu sagen. Die Jungs finden den Dampfer nicht, Holmes aber gelingt es schließlich, als er mit einer obskuren Verkleidung die Londoner Hafenkneipen durchkämmt und nachfragt.

Showdown
Holmes, Watson und Jones, der zuständige Polizeioffizier, jagen schließlich auf der Themse den Dampfer, werden fast von einem vergifteten Stachel getroffen, erschießen den Meister des Blasrohrs und fangen schließlich den Einbeinigen, der, wie wir schon vermuten, Jonathan Small ist. Der Schatz ist weg, versenkt in der Themse.

Showdown II
Nicht nur Holmes hatte sein Ziel, auch Watson kriegt am Ende, was er verdient - Mrs. Mary Morstan, zukünftige Mrs. Watson. Holmes wird nun alleine wohnen, aber stets bei interessanten Fällen Watson aus dem Bett klingeln. Schließlich braucht er seinen Biografen. Watson eröffnet eine gutgehende Praxis, die - ohne das er es weiß - von Holmes finanziert wird.

The True Story oder Mitleid mit dem Täter
Small machte nicht mal einen unsympatischen Eindruck, als er völlig am Boden zerstört und ohne jegliche Gegenwehr, verhaftet wurde. Er war überaus kooperationsbereit, obwohl man ihm keinen Deal nach heutigem Muster anbieten wollte. Man kann aber zwischen den Zeilen lesen, daß Holmes ihm keinesfalls feindlich gesonnen war, mit Recht, wie sich noch herausstellen wird. Ohne das der Leser darüber etwas erfährt, wird er zu Small´s Gunsten interveniert haben. Small erzählt folgende Geschichte:

Jonathan Small
war ein gewöhnlicher Soldat, eine in Indien respektierte Person, vermutlich sogar ein guter Soldat. Dann verlor er im Dienst ein Bein, damit war er für die Krone unbrauchbar und hing mangels ordentlicher Unterstützung in Indien fest. Es folgte der große Aufstand und alle englischen Zivilisten verbarrikadierten sich im alten Fort von Agra, was nur zu einem Viertel, dem neuen Teil genutzt wurde, der alte Teil war ein Labyrinth, in das sich niemand hintraute.

Der mußte nun trotzdem mitverteidigt werden und da wurde Small als „Aufpasser“ für drei loyale Sepoys eingeteilt, die irgendeine unwichtige Tür bewachten, weit ab vom Geschehen. Durch diese Tür schlüpfte eines Tages ein Inder, der für seinen Maharadscha einen Schatz in Sicherheit bringen sollte und die vier für das „Wegsehen“ bezahlte. Einer der Inder schnitt ihm kurzerhand die Kehle durch und hielt dem völlig konsternierten Small ein Messer an die Kehle; der müsse schwören, alles für sich zu behalten oder sterben. Da ihm die Wahl nicht sonderlich schwer fiel, fertigte man eine Karte an, vergrub den Schatz …. und wurde letztendlich doch geschnappt. Small wanderte in eines der berüchtigten Straflager auf den Andamaneninseln, die mit angeblichen Kannibalen bevölkert waren. Nicht nur ihre Mahlzeiten waren ungewöhnlich, auch ihre Körpergröße war eher gering, so um einem Meter rum.

Zitat: „Tagsüber die Arbeit bei der Gluthitze und nachts schossen sie uns ihre Stacheln in den Hintern“

Nun gut, Sholto und Morstan befehligten das Lager, man lernte sich kennen, spielte abends Karten und man kam sich näher. Der vom Pech verfolgte Small beging einen weiteren Fehler, er erzählte von dem Schatz. Sholto sollte ihn holen, sich pensionieren lassen, dann sollte Morstan nachkommen und dann Small; dann würde man in England teilen. Sholto verschwand mit dem Schatz, Morstan fuhr nach England um ihn zur Rede zu stellen (der Ausgang ist bekannt) und Small wollte fliehen.

Robinson und Freitag
Daniel Defoe verfasste neben anderen bekannten Werken der Weltliteratur 1719 „Robinson Crusoe“, eine allseits bekannte Geschichte. So was in der Art haben wir hier auch, in diesem Roman wird wirklich nichts ausgelassen. Unser Robinson-Small findet den halbtoten Tonga, Opfer stammesinterner Meinungsverschiedenheiten am Strand und peppelt ihn wieder auf. Jetzt hat er einen treuen Freund für´s Leben, leider beschränkt sich dessen Problemlösungsfähigkeit auf das Abschiessen von vergifteten Pfeilen. Das billigt Small überhaupt nicht, kann es aber aufgrund seiner Behinderung auch nicht verhindern. Der Kleine ist etwas wild und deutlich zu schnell für ihn.

Nach etlichen Jahren finden Small und Tonga Sholto und beobachten ihn durchs Fenster seines Hauses, der erschreckt sich zu Tode und niemand weiß wo der Schatz ist. Schließlich wird er in einer geheimen Dachkammer gefunden, den Rest der Geschichte kennen wir. Wir wissen nicht, wie die Geschichte für Small ausging; vermutlich nicht so gut, Doyle überläßt das der Phantasie des Lesers.

Nachtrag
Es gibt zwei erwähnenswerte Verfilmungen des Stoffes aus den 80ern, eine mit Jeremy Brett in der Hauptrolle, eine mit Ian Richardson, eine mit leichten künstlerischen Freiheiten, die andere punktgenau nach dem Buch bis ins letzte Detail. Beide sind empfehlenswert.


Jeremy Brett, 2 x Ian Richardson


Nächste Folge
Der Stoff in Verfilmungen.

Was uns erwartet:
Die guten, die banalen und die schlechten Filme - und wer ist der beste Holmes, wer der beste Dr. Watson ?




Arthur Conan Doyle

Folge 5 : Die Verfilmungen



Zum Abschluß unserer Serie über Holmes, Watson und Doyle wollen wir einen kleinen Überblick über „Holmes-Verfilmungen“ geben. Das Thema ist deshalb schwierig, weil es mehrdimensional und nur noch mit den Dutzenden von Shakespeare-Verfilmungen vergleichbar ist. Bei einem gewöhnlichen Film, so gut oder schlecht wie er auch sein mag, gibt es bestenfalls einige Remakes, die wiederum besser oder schlechter als das Original sind. Manchmal werden diese Stoffe auch kopiert, adaptiert oder einfach in eine andere Zeit portiert und dabei im Original beibehalten.

Remakes gibt es hunderte, nahezu jeder vernünftige Film wurde mindestens einmal zweitverwertet, einige Regisseure wie Alfred Hitchcock drehten Filme in einem gewissen Zeitabstand ein zweites Mal, wobei man dann natürlich die aktuelle Schauspielergarde einsetzte und in Farbe anstatt in Schwarzweiß produzierte. Zitate und abgekupferte Stories aus bekannten Filmen gehen in die Tausende.

Wie bei den - zum Teil legendären – Shakespearverfilmungen, hat jede Schauspielergeneration ihren eigenen Satz von Holmesfilmen, die bisher letzte wird Mitte Dezember 2009 erscheinen, mit Robert Downey Jun. und Judd Law in den Hauptrollen.



Eine Neuverfilmung von Richard III (legendär die Version von 1951 mit Sir Laurence Olivier) oder gar Hamlet (die beste ist sicher die aus den 80ern mit Mel Gibson, Ben Afflek und Glenn Close) zu besetzen, ist keine Kunst, da sich geeignete Schauspieler um eine Rolle in einer solchen Verfilmung prügeln. Da zu agieren, kommt einem Ritterschlag gleich und macht einen vielleicht sehr erfolgreichen Akteur final zu einem richtigen Schauspieler.

Legendär: Sir Laurence Olivier als Richard III.


Akteure für eine Holmes- Verfilmung zu finden, ist eine weitaus schwierigere Aufgabe, da die Interpretation der Rollen stark eingeschränkt ist. Holmes ist Holmes, wie er beschrieben wird, da gibt es nicht viel zu schauspielern, letztendlich kommt man nur authentisch ans Publikum, wenn man ein wenig oder etwas mehr so ist wie Holmes. Das gilt im Besonderen auch für die Rolle des Dr. Watson, der nicht nur aussehen muß, wie man sich Watson vorstellt, sondern auch die Grätsche zwischen Trottel und ernstzunehmendem Mitarbeiter machen muß, eine weitaus anspruchsvollere Geschichte als die Darstellung des Holmes.

Häufig wurde bei einem der beiden Hauptprotagonisten daneben gegriffen, was die entsprechenden Filme nicht besser machte. Das zweite Problem bei den Doylewerken ist der enorme Qualitätsunterschied der Vorlagen und die jeweilige Länge der Vorlage. Doyle hat 4 Romane und 61 Kurzgeschichten geschrieben. Von letzteren sind ein Dutzend für eine Verfilmung überhaupt nicht zu gebrauchen oder können bestenfalls als Vervollständigung einer Serie von 45 bis 60 Minuten herhalten. Aber auch das hat man sich meist geschenkt oder man hat die literarische Vorlage so verändert und mit frei erfundenem Material aufgepeppt, daß man die Originalstory zum Teil nicht mal erkennt.

Von einer BBC-Reihe, im Übrigen eine von Zweien, die sich perfekt an die Vorlage hält (Hauptdarsteller Jeremy Brett 1984 – 1994) wurden 41 Geschichten verfilmt, teils in Spielfilmlänge (Baskerville, The Sign of The Four), teils als Serienfolgen von 45 – 60 Minuten.


Jeremy Brett - 1933-1995

Diese absolut buchgenaue Verfilmung ist besonders zu empfehlen, weil sie sich eben bis ins letzte Detail (auch was das Aussehen der Akteure betrifft) an die literarische Vorlage hält. Hier sieht man aber auch gleichzeitig die Schwäche der Romane und bemerkt, daß ein spannendes und gut konstruiertes Buch nicht unbedingt einen ebenso spannenden Film abgibt. Das macht sich allerdings nur bei den Kurzgeschichten bemerkbar, die ja einen wesentlichen Teil von Doyles Werk ausmachen.

Die zeitgleich in England produzieren Ian-Richardson-Verfilmungen halten sich zwar etwas weniger ans Original, bieten aber einen noch besseren Hauptdarsteller und ein unvergleichliches Flair mit extremer Gewichtung auf die authentische Kulisse und ausgezeichneter Besetzung bis in die kleinste Nebenrolle. In beiden Verfilmungen tritt die damals aktuelle englische TV-Schauspielergarde an.


Ian Richardson - 1934-2007

Was im Buch der Phantasie des Lesers überlassen bleibt, muß im Film irgendwie gezeigt werden, sonst wäre der Film nach 15 Minuten zu Ende. Hinzu kommt, daß häufig in einer 40seitigen Kurzgeschichte der eigentliche Plot nur 5 Seiten ausmacht, während der Rest Genrebeschreibungen oder Rückblicke auf Holmes sonstige Tätigkeiten sind. Insgesamt eine schwierige Aufgabe. Alles was mit Holmes zu tun hat und jemals auf eine Filmrolle gebannt wurde, teilt sich in verschiedene „Sparten“; die Originalverfilmungen, die Verfilmungen, die als Original getarnt sind und sich nicht sonderlich an irgendwelche Vorlagen halten oder frei erfunden sind, die Parodien, die Pastiches (Hommage an eine Story oder einen Akteur) und die „Zitate“, wobei letzteres ein gängiges Verfahren ist, was hier nur am Rande erwähnt wird.

Ob nun Parodie oder Pastiche; die in Deutschland bekannteste und vielleicht auch witzigste Verfilmung „Der Mann der Sherlock Holmes war“ mit Hans Albers und Heinz Rühmann war ein 1937 ein Kinohit, wie man hört, nicht nur in Deutschland. Die Akteure konnten zwar, wie in vielen UFA-Produktionen der 30ern, das Übertreiben nicht lassen, dennoch ist der Film sehenswert. Etliche Parodien und Pastiches fallen aber auch nur durch die Talentfreiheit der Protagonoisten auf, andere sind kleine Meisterwerke, aber dazu später vielleicht mehr.


Hans Albers - 1891-1960, Heinz Rühmann 1902 - 1994

Serien, wie wir sie heute kennen, sind keinesfalls eine Erfindung amerikanischer TV-Macher der 50er, die den Hausfrauen Nachmittagsunterhaltung bieten sollten. Serien sind eine Erfindung des amerikanischen Kinos der 20er und 30er, weil das dortige Kinosystem aus nachvollziehbaren Gründen anders ausgelegt war als heute. Dort wurden zum Zwecke einer „kompletten Abendunterhaltung“ Pakete gezeigt und nicht etwa ein einzelner Film (natürlich von Ausnahmen abgesehen). Man produzierte als „Billigfilme“, sogenannte B-Movies, von denen einige heute Kultstatus haben. Diese wurden dann im Doppelpack zu einer Kinoveranstaltung zusammengefasst, nebst Wochenschau und Verbraucherinformationen, oder sie dienten als Vorfilm zum eigentlichen Hauptfilm. Die Länge schwankte zwischen 60 und 90 Minuten.

In dieses Genre gehörten vor allem Westernproduktionen wie der legendäre Tom Mix, Kriminalserien wie der clevere Chinese Charlie Chan von Biggers, der seine Fälle als Übervater aller Detektive vom Schreibtisch löste und seine Söhne, praktischerweise durchnummeriert (Sohn Nr. 2, mach mal …) die gewöhnliche Arbeit verrichten ließ. Die Figur war an einen bekannten hawaiianischen real existierenden Polizeiermittler angelehnt.


Tom Mix 1880-1960, Werner Oland "Charly Chan" 1879 - 1938

Aber wir schweifen ab, Detektivgeschichten und deren Verfilmungen werden demnächst eine eigene kleine Abhandlung bilden, die sich dann mit den Genrekönigen Chandler / Christie / Stout und anderen befaßt. Dazu gehören dann auch diverse Serien, die man zuletzt in den 50ern und 60ern im TV sehen konnte, die aber teilweise wieder als DVD verfügbar sind.

1939 entschied man sich, einige Sherlock Holmes – Verfilmungen in Angriff zu nehmen und wurde auch bei der Suche nach den beiden Hauptakteuren fündig. Holmes verkörperte ausgerechnet der größte Filmschurke seiner Zeit, bekannt auch aus etlichen „Strumpfhosenverfilmungen“ der Mantel-und Degen-Abteilung. Der britisch-amerikanische Schauspieler Basil Rathbone rauchte zudem noch Pfeife, sah aus wie man sich Holmes vorstellt und war auch ein richtiger Schauspieler.


Basil Rathbone 1892-1967

Noch besser griff man bei der Figur des Dr. Watson zu, mit Nigel Bruce fand man den für meine Begriffe den besten aller Darsteller, der je den Watson gegeben hat. Der bewies sein Talent auch später in dem Hitchcock-Erfolgen Suspicion (Verdacht) und Rebecca an der Seite von Laurence Olivier und Joan Fontaine nach: der perfekte Nebendarsteller. Die Filme waren vor allem deshalb so erfolgreich, weil die beiden besagten Akteure die Hauptrollen spielten, über die Qualität der Filme streiten sich bis heute die Geister. Man sollte sie sehen um andere Verfilmungen besser bewerten zu können, klassisches B-Niveau, was aber nicht unbedingt abwertend sein muß.


Nigel Bruce 1885 - 1953

Vielleicht kommt auch dazu, daß die meisten Klassiker in Schwarz/Weiß vorliegen, was eine völlig andere Atmosphäre bietet. Beispielsweise sind die Remakes der sogenannten „Schwarzen Serie“ aus den 70er oder später zum Teil besser als die Originale (vgl. Howard Hawks Chandler Adaptionen, z.B. Farewell, my Lovely und dem Remakes mit Robert Mitchum aus den 70ern), aber sie erzeugen nicht die düstere Umgebung und das morbide Flair der Schwarzweißoriginale. Dennoch - Rathbone und Bruce haben die Szene derart geprägt, daß sich alle Nachfolger irgendwie daran messen mußten und das irgendwo auch zu Recht.

Der nächste Akteur, der einen ernstzunehmenden Versuch mit einer Holmes-Serie startete, was der Horror-Darsteller Peter Cushing, der nicht unbedingt als Sherlock Holmes der Buchvorlage gleicht, dennoch für seine Darstellung (und das gilt wohl auch für die Werkstreue der Verfilmungen) höchste Bewertungen in der Holmes-Szene erhielt. Hier haben wir eher in der Darstellung eine Interpretation als eine Bedienung von Klischees.


Peter Cushing 1913-1994

Es gibt weitere Verfilmungen, hauptsächlich der Schlüsselromane wie Baskerville, der naturgemäß aufgrund der Länge des Originalsstoffes und der doch ungewöhnlichen Geschichte am meisten hergibt. Ich versteige mich mal zu der Aussage, daß alle der hier angeführten Werke irgendwo sehenswert sind, auch wenn man anschließend nur seine persönlichen Präferenzen in einem gewissen Abstand immer wieder anschaut.

Kommen wir zum weiten Feld der „Holmes-ähnlichen-Filme“. Hat man sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, so basieren unzählige mehr oder minder aktuelle Serien oder Buchvorlagen auf Doyles Protagonisten.

Stellten wir bereits in einer der vorhergehenden Folgen gewisse Beziehungen zu Werken von Agatha Christie oder Raymond Chandler her, so finden wir das Grundmuster der klassischen Detektivgeschichte (einsamer Wolf plus Helferlein) auch in aktuellen Werken der TV-Szene. Kultserien wie „Monk“ oder „The Mentalist“ variieren das Grundmuster, brechen es aber nicht und dienen hier auch nur als zwei Beispiele von vielen. Ist in „Monk“ der Held ein zwangspensionierter Polizist, der - völlig durchgeknallt und ein Fall für den Psychiater - die Fälle für einen befreundeten Polizeiofficer names Stottelmeyer löst, so steht bei „The Mentalist“ ein charmanter, auch nicht so ganz normaler Profiler im Vordergrund, der unter Zuhilfenahme obskurer Fähigkeiten die Täter ähnlich erledigt wie Holmes das tat.


Tony Shalhoub alias Adrian Monk, Simon Baker alias Patrick Janes

Monk hat als Dr. Watson seine attraktive Haushälterin, die permanent dafür sorgt, das er sich richtig die Schnürsenkel zubindet oder bei täglichen Verrichtungen wie das Zähneputzen keinen Nervenzusammenbruch bekommt. Monk löst seine Fälle mit Deduktion aufgrund unscheinbarer Indizien, ganz im Stil der großen Vorbilds.

Detektive diese Typs agieren, sie werden mit einem Fall konfrontiert, verlassen die eingetretenen Pfade oder können unabhängig von Gesetzeszwängen handeln, was die Polizei zum Beispiel nicht kann. Das der eine am Schluß der Held ist und der andere der Trottel, versteht sich von selbst. In der Regel kann aber auch der Leser/Betrachter anhand der Indizien selbst ermitteln und den Fall lösen. Das unterscheidet Detektive und Plots dieser Spielart von Figuren oder Geschichten, wie sie häufig bei Chandler/Stout/Hammet oder anderen auftauchen, hier wird der Detektiv – meist mit Geld, denn die sind ständig pleite – zu einem Fall gezwungen, so schräg und/oder uninteressant der auch sein mag.

Es entwickelt sich meist die Mücke zum Elefanten, nicht weil der Typ so smart oder fähig wäre, sondern weil er permanent mit Aktionen von aussen konfrontiert wird, die er nicht durchschaut und vor allem nicht in der Hand hat. Er reagiert - wird immer weiter hineingezogen – löst zwar letztendlich den Fall – doch am Ende sind alle tot. (vergl. „Fahr zur Hölle, Liebling/Farewell my Lovely)

Lustige Abwandlungen, speziell aus dem Genre „spannender Unterhaltungsfilm“ sind die legendären „Dünner Mann / The Thin Man“ Filme aus den 30er, mit den damaligen Topakteuren William Powell und Myrna Loy, mega erfolgreich und in der Szene ebenso Kult wie einige der hier aufgeführten Werke, basierend auf einem Werk Dashiell Hammets, von dem auch später noch die Rede sein wird.


William Powell 1892-1984, Myrna Loy 1905-1993

Nick Charles (William Powell) gehört nebst seiner Frau (Myrna Loy) und überaus nervigem Kleinsthund zur High Society, man bewegt sich vorwiegend auf Parties. Man wird so ganz nebenbei mit Fällen konfrontiert, die man so ganz nebenbei zwischen zwei Drinks löst. Man sieht Charles nie nüchtern oder ohne Drink in der Hand. Der Dialogwitz ist köstlich, man weiß auch nicht so genau, wer eigentlich die Fälle löst, Sherlock Holmes (Charles) oder Dr. Watson (seine Frau), vielleicht spielt auch der Hund eine bedeutende Rolle.

Halten wir zum Schluß fest, daß die Kette der Adaptionen, Remakes oder was auch immer unendlich ist, Cineasten teilen das Kriminalgenre ohnehin grundsätzlich nach Unterkriterien, die sich im Wesentlichen nach der Art der Ermittlung und dem Typ „Detektiv“ richtet; so gibt es den klassischen Gangsterfilm, den Polizeifilm, den Einzelkämpfer, den Einzelkämpfer mit Anhang usw. Einige werden noch in besondere Kategorien wie „Film Noir“ sortiert, wobei der nicht unbedingt ein Kriminalfilm sein muß. Da geht es dann im Wesentlichen um Schnitttechniken, die Erzählweise – meist aus dem sogenannten „OFF“ und die Art der Stories.

Sherlock Holmes ist Legende, sei es als Buch oder als Film. Dieses Merkmal teilt er mit Kultfiguren wie Chandler / Hitchcock / Shakespeare oder anderen, egal, ob es sich dabei um Autoren, Regisseure oder Filme handelt. Ars longa – Vita brevis.

Bernd Möller [highlander]
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