25.08.2012, 18:54 Uhr
LITERATUR | Qui Xiaolong: Oberinspektor Chen

Seit Guido Brunetti`s Abenteuer von seiner Schöpferin nur noch repliziert werden und trotz des Allheilmittels Venedig nicht mehr so richtiges Lesevergnügen vermitteln können, sollte sie ihn einfach in den Ruhestand schicken. Denn Oberinspektor Chen, der sich in Shanghai um die weniger angenehmen Zeitgenossen kümmert, ist ein würdiger Substitut - wenn man kluge Krimis mag. Und Chen ist nicht nur Kriminaler, sondern betätigt sich in seiner Freizeit als durchaus akzeptabler Schriftsteller, der sich in der Literatur seines Landes, seiner Kultur, bestens auskennt.

Sind die Geschichten um Chen auch sehr konventionell aufgebaut, sind sie nichtsdestoweniger spannend und für viele Leser ist der Platz Shanghai exotisch und übt dadurch schon einen eigenen Reiz aus. Es geht bei chinesischen Schriftstellern, die nach 1950 geboren sind, wohl nicht anders. Egal, welchem Genre sie zugetan sind, immer werden Alltagsverhältnisse und chinesische Befindlichkeiten aus der jüngsten Vergangenheit und dem Heute dieses faszinierenden Landes in die Handlungen mit eingewoben und es entsteht beim Leser das Gefühl, es handele sich nicht um Fiktion sondern um Reportage. Allerdings verhindert der gekonnte Schreibstil von Qui Xiaolong, dass man einen Spiegel oder Focus vor sich zu haben meint.

Der Autor gibt uns westlichen Lesern realistische Einblicke in eine für die meisten Forianer fremde Kultur. Gewalt hält sich in Grenzen und Action ist wohltuend reduziert, um so mehr erhalten wir politisch-psychologische Hintergründe interessant und verständlich vermittelt, ohne jemals die fiktionäre Stimmung zu zerstören. Rundweg spannende und niemals langweilige Lektüre.



Mittlerweile gibt es 6 Romane mit dem Titelhelden Chen, 5 davon empfehlenswert:

Chen`s 1. Fall: Tod einer roten Heldin
Shanghai 1990. Aus dem Kanal vor den Toren der Millionenmetropole wird die Leiche einer jungen Frau gefischt. Die Tote, Guan Hongying, war Leiterin einer Kosmetikabteilung und ›Heldin der Arbeit‹. Zur Überraschung aller fördert die Inspektion ihrer Unterkunft im Arbeiterwohnheim Reizwäsche sowie erotische Fotos zutage. Die Überprüfung ihrer Telefonate zeigt viele Anrufe derselben Nummer - des ehemaligen Propagandaministers ...

Chen`s 2. Fall: Die Frau mit dem roten Herzen
Schöner kann der Tag gar nicht beginnen, denkt sich Oberinspektor Chen, bis er nur wenige Schritten später über eine übel zugerichtete Leiche stolpert. 17 rituelle Axtwunden: Ist der Tote dem Geheimbund der Triaden zum Opfer gefallen? Kaum im Kommissariat, erhält Chen jedoch einen anderen Auftrag: Er soll eine amerikanische Kollegin während ihres Aufenthalts in Shanghai begleiten – eine politisch heikle Mission.
Gemeinsam müssen sie die hochschwangere Wen finden, deren Mann in New York als Kronzeuge gegen einen gefürchteten Triaden-Boss vor Gericht steht und erst aussagen will, wenn seine Frau in die USA ausreisen darf. Doch die Chinesin ist spurlos verschwunden. Das ungleiche Ermittlerpaar macht sich auf die gefährliche Suche in die dunkelsten Ecken des Reichs der Mitte.

Chen`s 3. Fall: Schwarz auf Rot
Endlich, seit drei Jahren der erste Urlaub. Oberinspektor Chen nutzt ihn jedoch nicht zur Erholung. Er hat das Angebot erhalten, einen Werbeprospekt ins Englische zu übersetzen. Unternehmer Gu will amerikanische Investoren mit einem renditeträchtigen Großprojekt begeistern. Hinter der Fassade traditioneller Shikumen-Häuser soll für die betuchte neue Mittelschicht eine Shopping-Mall entstehen. Kaum hat er sich jedoch an den lukrativen Auftrag gemacht, geschieht ein Mord. In einem dieser ärmlichen Shikumen-Häuser, in dem zig Familien auf engstem Raum zusammenleben, wird eine Frau am frühen Morgen erstickt. Eigentlich kann der Täter nur einer der Hausbewohner sein, denn das Haus wird nachts abgesperrt, und die ehemalige Rotgardistin Yin war vielen verhaßt. Stutzig wird Chen dann allerdings, als die Parteiobrigkeit auf eine schnelle Lösung des Falls drängt, weil sie politische Turbulenzen befürchtet. Denn wie sich herausstellt, galt die Ermordete als Dissidentin. Sie hat den verfemten Dichter Yang geliebt und nach dessen Tod einen vielbeachteten, aber rasch verbotenen Roman veröffentlicht. Und warum hat der Geheimdienst nach dem Mord das Zimmer der Schriftstellerin durchwühlt? Hauptwachmeister Yu befragt unterdessen die Hausbewohner, die sich jedoch allesamt in Widersprüche verstricken, und der Nachbarschaftspolizist verdächtigt einen nach dem anderen. Inzwischen liest Yus Frau jedoch den Roman der Ermordeten und bringt damit Oberinspektor Chen auf eine literarische Fährte ...

Chen`s 4. Fall: Rote Ratten
Eine Reise nach Amerika, davon hat Oberinspektor Chen schon lange geträumt. Und nun soll der dichtende Polizist eine Schriftstellerdelegation in die USA begleiten. Doch die einmalige Gelegenheit kommt für Chen mehr als ungünstig. Denn er hat einen Auftrag erhalten, der eigentlich seinen vollen Einsatz in Shanghai erfordert: Nach dem Tod eines Polizisten in einem Bordell verpflichtet ihn die oberste Parteibehörde, endlich den »Roten Ratten« - korrupten Beamten und Schmiergeld zahlenden Neokapitalisten - das Handwerk zu legen. Doch schon bei den ersten Recherchen muss Chen feststellen, dass er es mit einflussreichen Parteikadern zu tun bekommen wird, die vor nichts zurückschrecken …

Chen`s 5. Fall: Blut und Seide
Auf einer Verkehrsinsel mitten in Shanghai wird im Morgengrauen die Leiche einer Frau gefunden. Sie trägt ein enges rotseidenes Kleid, einen "qipao", wie er während der Kulturrevolution verpönt war und erst jetzt wieder in Mode kommt. Wenig später entdeckt man eine zweite und bald darauf eine dritte Frauenleiche - ein Problem für die chinesische Polizei, da Serienmorde nach offizieller Parteidoktrin nicht existieren. Oberinspektor Chen, der als Einziger weiß, wie man das psychologische Profil eines Serienmörders erstellt, ist mit einem Immobilienskandal befasst und will außerdem seine Literaturstudien endlich mit einem akademischen Abschluss krönen. Inzwischen begibt sich seine junge Kollegin als Lockvogel auf eine gefährliche Mission ...

Chen`s 6. Fall: Tödliches Wasser
Mit diesem Band setzt bereits das Brunetti-Sympton ein. Gut geschrieben, aber lokalthematisch flach und längst nicht mehr so in China verhaftet wie die Vorgänger. Trotzdem lesenswert.

Eigentlich hat Oberinspektor Chen Urlaub am Taihu-See vielversprechend begonnen: In einem Straßenimbiss lernt er die attraktive Shanshan kennen, die sein Herz höher schlagen lässt. Die junge Umweltingenieurin öffnet Chen jedoch die Augen dafür, dass Chinas drittgrößter Süßwassersee durch die umliegenden Industriefabriken verseucht ist. Ihren Chef, der mit verantwortlich dafür war, hat man wenige Stunden zuvor tot aufgefunden – und Shanshan und ein junger Umweltaktivist stehen unter Mordverdacht. Keine Frage, dass Chen beginnt, undercover zu ermitteln ..

Über den Autor
Geboren 1953 in Shanghai, lebt Qui Xialong seit 1989 in den USA im Exil. Nach China ist er nach dem Massaker auf dem Tian’anmen Platz nicht mehr gereist. Er lehrt Chinesische Literatur und Sprache in Washington. Mehr Infos bitte aus Wikipedia entnehmen.

Erhältlich
im gut sortierten Buchhandel und bei Amazon,
sowohl gebunden wie auch als Taschenbuch.

Roman 1 liegt auch als Hörspiel vor (u.a. mit Hans-Peter Hallwachs,TOPP!),
Roman 4 als Hörbuch, beide bei audible.de




Bodo Falkenried
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